Geburtstagsgeschenk

Es war am 20. Februar 2002 um ca. 22:30 Uhr

Ich bin am Taxistand in St. Peter gestanden und habe wieder einmal auf eine Fahrt gewartet. Irgendwann bemerkte ich etwas Eigenartiges. Ein Junge kam zu einem stehenden Taxi, schaute sich den Taxifahrer an und ging wieder an die andere Straßenseite. Das ganze hatte sich fünf Mal wiederholt. Er ist sogar zwei Mal zu der nahegelegenen Tankstelle und wieder zurück zum Taxistand gegangen. Zuerst dachte ich mir, dass er vielleicht ein Verbrechen vor hat, weil die Art, wie er sich benahm, nicht in Ordnung war. Aber der Junge war gepflegt und dürfte auch nicht aus einer „schlechten“ Familie kommen. Aber der negative Gedanke war größer als der Positive. Ich war völlig in Gedanken, als er plötzlich an meiner Beifahrerseite stand, die Tür aufmachte und sich auf den Beifahrersitz setzte. Darauf nannte er mir einen Ort in Graz-Umgebung. Zuerst dachte ich mir, dass der Arme vielleicht kein Geld hatte, dies wäre nicht problematisch gewesen, oder hatte er wirklich etwas vor? Aber so schlecht schaute er nicht aus und er kam mir auch ganz nüchtern vor. Vorsichtig fuhr ich los. Kurz bevor ich die Stadt verlassen habe, sagte der Junge zu mir: „Heute ist mein 18. Geburtstag und ich wollte richtig feiern, aber leider haben mich meine Freunde im Stich gelassen und alleine feiern wäre nicht gerade ideal.“ Ich gab ihm recht. An bestimmten Tagen hat man einfach Lust richtig zu feiern. Mit richtigen Freunden macht es auch mehr Spaß und im Notfall sind sie auch immer für einen da. Ich sagte zu ihm: „Es wäre kein Problem, wenn du willst, bin ich heute dein Freund und wenn du es wünscht, werde ich mit dir feiern. Ich stelle mir einfach vor, dass mein Sohn heute seinen 18. Geburtstag feiert und er sich wünscht mit mir zu feiern. Ich sehe darin keinen Unterschied.“ Das Gesicht des Jungen fing zu strahlen an und er fragte: „Wirklich? Feierst du mit mir?“ Ich sagte darauf: „Natürlich! Du brauchst dir auch keine Gedanken machen, meine Zeit und mein Verdienst sind mir in so einem Fall nicht wichtig. Fahren wir wohin du willst. Ich trinke aber nur Kaffee und du kannst trinken und tanzen soviel wie du willst. Ich verzichte heute Nacht auf meinen Gewinn. Fahren wir los.“ Er schaute mich mit einem fragenden Gesicht an und sagte: „Ist das dein Ernst?“ „Ja, sicher ist das mein Ernst. Wohin willst du fahren?“, sagte ich noch einmal und er fragte auch noch einmal: „Versprochen?“ Ich sagte darauf: „Versprochen!“ Er nannte mir ein Straße und in der Zwischenzeit erzählte er mir, dass er schon seit langem einen Wunsch hatte und heute Nacht ist die Nacht, in der er seinen Wunsch verwirklichen wollte. Ich bin ein bisschen neugierig geworden. Was kann das für ein Wunsch sein, auf den er schon lange gewartet hat? Plötzlich sagte er mir, dass ich bei einem dieser Häuser, wo die freizügigen Frauen arbeiten, stehen bleiben solle. Es war für mich nichts Neues gewesen, dass ein Junge dorthin gehen möchte. Aber unangenehm wurde es, als er von mir verlangt hat, dass ich ihn dorthin begleiten sollte. Er sagte, dass ich unbedingt mit ihm gehen müsse, weil er alleine sich nicht in solche Häuser gehen traut. In Wahrheit gesagt, ich traute mich mit meinem Alter auch nicht und ich sagte zu dem Jungen: „Ich war noch nie in meinem Leben in solchen Häusern, und ich habe auch noch nie den Wunsch gehabt in diese Häuser hineinzuschauen. Bitte verlange dies nicht von mir. Du kannst so lange wie du brauchst dort bleiben. Ich fahre in der Zwischenzeit weg und du rufst mich an, wenn du nach Hause oder in ein anderes Lokal fahren möchtest. Dort komme ich dann mit, aber hier bestimmt nicht. Schlag dir das aus deinem Kopf, dass ich mit dir dort hineingehe und drinnen sitze und warte.“ Er war sehr verwundert und sagte: „Was ist mit deinem Versprechen? Hast du das vergessen? Ich möchte nicht alleine dort hinein gehen.“ „Dann gehen wir halt nicht,“ sagte ich zu ihm. Er war jetzt noch mehr enttäuscht und sagte: „Was ist nur mit deinem Versprechen? Das ist mein Wunsch. Heute ist mein Geburtstag. Kannst du heute nicht eine Ausnahme machen? Komm doch mit hinein, setze dich hin und trink deinen Kaffee. Ich glaube nicht, dass ich zuviel von dir verlange. Ich habe mich dir anvertraut und nach langen Überlegungen bin ich zu dir gekommen. Bitte enttäusche mich nicht. Wenn es um das Geld geht, kannst du ruhig die Taxiuhr laufen lassen. Ich arbeite und habe genug Geld. Mach´ dir darüber keine Sorgen.“ Was hätte ich diesem Jungen sagen sollen? Ich war sprachlos und dachte mir, wenn mein Junge dies verlangt hätte, obwohl ich mir sicher war, dass er dies niemals getan hätte, was hätte ich dann gemacht? Ich wusste es nicht. Ich versuchte es dem Jungen zu erklären und sagte: „Mein Junge, es geht nicht um das Geld, es geht um die Ehre. Warum kannst du mich nicht verstehen?“ Er antwortete sofort darauf: „Aber ein Versprechen ist auch eine Ehrensache, wenn du wirklich ein Mann der Ehre bist.“ Es waren sehr harte Worte. Ich habe beschlossen, mit ihm hineinzugehen, ganz gleich was passierte. Der Junge war darüber überglücklich. Er schaffte es auch mit seinem Charme und seinem unschuldigen Gesicht, mich als einen erfahrenen Mann zu überreden. Ich ging mit diesem Jungen nur ungern in das Lokal. Da saßen ein paar halbnackte Damen, die großteils nicht Deutsch miteinander sprachen. Wir setzten uns beide in einen Ledersessel. Ich bestellte einen Kaffee und auch der Junge bestellte für sich einen Kaffee. Ich hatte ihm nochmals gesagt, dass er trinken könne, was er möchte, weil er schlussendlich ja sowieso mit dem Taxi nach Hause gebracht werde. Er lehnte es ab und sagte: „Nein, ich trinke aber nur einen Kaffee.“ Es hat nicht lange gedauert, bis zwei Damen zu uns gekommen sind. Eine von ihnen setzte sich neben den Jungen und die andere wollte sich neben mich setzen. Ich hatte sie sofort darauf aufmerksam gemacht, dass ich nur der Taxifahrer bin und zeigte mit einer Handbewegung zu dem Jungen. Ich glaube, dass die Dame der Blitz getroffen hat und sie sagte zu ihrer Kollegin mit einem Lächeln: „Taxi.“ Dann ist sie zur anderen Seite des Jungen gegangen und sie haben mit ihrer Weiblichkeit versucht, ihn weich zu bekommen. Aber der Junge ließ dies nicht zu und er versuchte hart zu bleiben. Ich habe das nicht ganz verstanden, denn schließlich wollte er ja hierher kommen. Es hat keine zehn Minuten gedauert, bis er seinen Kaffee ausgetrunken hatte und ich ebenfalls. Plötzlich sagte er zu mir: „Wir können schon gehen.“ Ich sprang von meinem Platz auf und sagte zu ihm: „Ich bin bereit.“ Die Damen haben versucht ihn zum Bleiben zu überreden, aber erfolglos. Wir gingen zum Auto. Ehrlich gesagt, ich habe diese Aktion nicht verstanden. Warum wollte er mit allen Mitteln mit mir dort hineingehen und warum hatte er sich so schnell entschieden wieder zu gehen? Wir saßen im Taxi und wir beide blieben ruhig. Nach einer kurzen Zeit sagte er zu mir: „Fahren wir nach Hause. Ich habe eine große Illusion davon gehabt, diese Häuser zu besuchen. Ich habe ein großes Bild von diesen Plätzen gehabt. Jetzt weiß ich es, es waren nur Illusionen und mit Sicherheit nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Danke, dass du heute Nacht mit mir dort hingegangen bist, denn sonst hätte ich noch gedacht, dass ich etwas verpasst habe. Ich werde mit Sicherheit nie mehr solche Frauen besuchen. Ein gesundes Leben braucht gesunde Menschen und ich möchte auch ein gesundes Leben haben.“ Dieser Junge hat mich sehr beeindruckt und ich dachte mir, wie stolz die Familie sein kann, einen solchen Jungen zu haben. Ich schenkte dem Jungen eines meiner Bücher als Geburtstagsgeschenk und sagte zu ihm: „Wenn du morgen beim Frühstück mit deinen Eltern am Esstisch sitzt, richte deinen Eltern einen schönen Gruß von einem Fremden aus und sage ihnen, dass ich beiden gratulieren möchte, dass sie so einen guten Jungen haben.“

Ich verabschiedete mich bei seiner Haustüre und dachte mir, wie großartig es wäre, so einen Jungen zu haben.