Der große Stein
Es war kurz vor meinem sechsten Geburtstag. Auf einmal hatte ich keinen Appetit mehr, außer auf Schokolade und Wurstsemmeln. Meine Mammi bemühte sich sehr, abwechslungsreich zu kochen und mich mit genügend Vitaminen zu versorgen. Sie erklärte mir, dass mein Körper das gerade jetzt brauche, wo ich doch noch im Wachstum bin. Aber es nützte alles nichts, ich hatte eben nur Lust auf Schokolade und Wurstsemmeln.
Jedes Mal, wenn Essenszeit war, versuchte ich mich davor zu drücken. Ich hatte ja Hunger, aber nicht auf das, was Mammi gekocht hatte. Dann schlich ich mich in die Küche und suchte nach irgendwelchen Süßigkeiten. Aber meine Mammi hatte sie so gut versteckt, dass ich sie nicht finden konnte. Okay, dann eben keine Süßigkeiten, dachte ich mir. Ich öffnete die Brotlade und entdeckte einige Semmeln. Nun war ja alles wieder in Ordnung, dachte ich mir. Aber als ich den Kühlschrank öffnete, und die Wurst herausnehmen wollte, war meine Freude schon wieder vorbei. Es gab keine Wurst!
Also blieb mir nichts anders übrig, als mit leerem Magen schlafen zu gehen.
Am nächsten Tag, als ich vom Kindergarten nach Hause kam, hielt ich es vor lauter Hunger fast gar nicht mehr aus. Noch bevor ich mich umgezogen hatte, stürmte ich in die Küche und fragte meine Mammi, ob sie denn schon Wurst eingekauft hatte. Mammi sagte: „Anstatt Wurst zu kaufen, habe ich dir heute ein gutes Schnitzel zubereitet. Das schmeckt köstlich, willst du nicht ein kleines Stück probieren?“
Über diese Tatsache war ich zwar nicht erfreut, aber mein hungriger Magen ließ mich vergessen, dass ich eigentlich nur Lust auf Wurstsemmeln hatte. Ich ging zum Esstisch, der bereits gedeckt war und sah auf meinen Teller. Ich traute meinen Augen nicht. Darauf lag ein riesengroßer Stein.
„Mammi, was ist das da? Was macht der große Stein auf meinem Teller? Wo hast du den her?“, sprudelte es aus mir heraus.
„Ich habe diesen Stein besorgt und gut gewaschen. Der kommt jetzt immer dann auf den Tisch, wenn jemandem das nicht schmeckt, was ich gekocht habe. Derjenige muss dann diesen Stein essen“, antwortete meine Mammi.
„Aber Mammi, dieser Stein ist viel zu hart, den kann man nicht essen!“
„Na gut, wenn das so ist, und der Stein nicht gegessen wird, dann wird eben das gegessen, was ich gekocht habe“, schlug meine Mammi vor.
Ich flehte: „Aber Mammi, du weißt, dass ich so gerne Wurstsemmeln esse. Warum darf ich das nicht? Wenn ich sie doch so gerne mag.“
„Mein liebes Kind“, erklärte mir meine Mammi, „man muss versuchen, sich auch einmal zu überwinden und das zu essen, was gesund ist. Schließlich ist das hier kein Hotel, dass man das bekommt, was man gerade bestellt. Natürlich akzeptiere ich deine Wünsche, aber ich denke, ich weiß besser, was für dich gut ist und was nicht.“
Ich konnte meine Mammi verstehen. Sie hatte Recht. Schließlich konnte sie nicht jeden Tag das kochen, was jeder gerade mochte.
Aber was war nun mit mir? Das Schnitzel wollte ich nicht essen und der Stein war zu hart. Und das schlimmste war, dass mein Hunger immer größer wurde.
Nach einer Nachdenkpause hatte ich beschlossen, das Schnitzel doch zu essen. Ich wusste, dass es mir nichts nützen würde, auch wenn ich noch so bitterlich weinte. Meine Mammi war in ihren Entscheidungen manchmal sehr hart und mir war klar, dass sie nicht umzustimmen war. Dazu kannte ich sie zu gut.
Ab diesem Tag habe ich alles, was auf den Tisch gekommen ist, gegessen. Manchmal habe ich es gern getan, dann wieder weniger. Aber ich hatte keine andere Wahl. Schließlich war alles weicher und schmackhafter als dieser große Stein…
Ab und zu gibt mir meine Mammi in der Früh eine Wurstsemmel mit in den Kindergarten. Und manchmal sogar eine kleine Tafel Schokolade. Sie war der Meinung, dass ich diese Belohnung hin und wieder verdient hätte, weil ich so brav gegessen habe.
Das witzige an der Geschichte aber ist, dass uns dieser große Stein noch sehr lange beim Essen verfolgt hat, wenn ich wieder einmal keinen Appetit auf Mammi's Menü hatte… |